Auf dem Rad quer durch die USA


4800 Kilometer quer durch die Vereinigten Staaten von Amerika - auf dem Rad, Tag und Nacht, ohne Pause. Robert Dicks (35), Lehrer für Deutsch und Politikan der Ernst-Göbel-Schule in Höchst, hat mit drei Teamkollegen das härteste Radrennen der Welt absolviert.

 

HÖCHST. „Das war ein Wahnsinnsgefühl. Man fühlt die Hitze der Straße, den Wind, diese unendliche Weite - das war unglaublich toll“, erinnert sich Robert Dicks an einen besonders schönen Moment beim „Race across America“ (RAAM), als er dank starkem Rückenwind auf einem flachen Abschnitt bei den Great Plains über eine Stunde einen Schnitt von 55 km/h fahren konnte.Gemeinsam mit dem Frankfurter Chef einer Sicherheitssoftware-Firma, Peter Smeets (47), dem Darmstädter Sportlehrer Frank Vytrisal (45) und dem in Ohio an der Universität lehrenden Limburger Frederik Fuest (38) ging Dicks im Viererteam „4Athletes“ im Juni in den USA an den Start. Fünf Tage und acht Stunden lautete das erhoffte Ziel des Teams – fünf Tage und 13 Stunden bedeuteten am Ende den dritten Platz, sieben Stunden besser als die letztjährige Siegerzeit. Ein Schnitt von 36,2 km/h pro Stunde machte es möglich, rund 250 Kilometer saß jeder Fahrer pro Tag auf dem Sattel. „Man möchte immer gewinnen, immer das Beste rausholen, aber wir haben uns trotzdem gefreut, dass es so gelaufen ist“, fühlt Dicks keine Enttäuschung über Platz drei. Fünf Tage purer Stress, dauerhafter Schlafmangel, Erschöpfung und Schmerzen liegen hinter ihm: „Am dritten Tag, nach der dritten Zeitzone hat man kein Zeitgefühl mehr.“

 

Das „Race across America“ ist wie ein Zeitfahren – nur ohne greifbares Ziel. Der Fahrdienst der vier Athleten ist minutiös geplant: Jeweils zwei Fahrer bilden ein Team, das sich in vierstündigen Tag- und sechsstündigen Nachtschichten abwechselt. Für das gerade nicht aktive Team bedeutet das: Regeneration im schwankenden Wohnmobil, viel Essen und die eine oder andere Stunde dringend nötiger Schlaf. „Es wackelt die ganze Zeit und es ist sehr schwierig, dort in den Tiefschlaf zu kommen“, erklärt Dicks. Entsprechend erinnert sich der Höchster an seinen schlimmsten Moment der Tour: In eben jenem Tiefschlaf überhört er das Wecken und kommt erst fünf Minuten vor seiner Schicht auf die Beine – zur Vorbereitung benötigen die Fahrer normalerweise 30 Minuten. „Das war grausam: Diese Hektik, und dann zu wissen, jetzt sollst Du einen Schnitt von 40km/h fahren.“

 

Erst nach zehn Minuten auf dem Rad funkt er erstmals ans Pacecar: „Jetzt bin ich wach, ihr könnt mir Anweisungen geben.“ Aufgeben war indes nie ein Thema für den Sportler: „Das gehört dazu, dass man sich durchbeißt. Wir sind sportverrückt und extrem motiviert: Es darf auf keinen Fall an einem selbst hängt, wenn es nicht läuft.“Damit diese Situation gar nicht erst eintritt, begann Dicks‘ Vorbereitung auf das RAAM ein knappes Jahr vorher: Vier Tage pro Woche fährt er jeweils 80 bis 230 Kilometer. Fast immer zusammen mit Vytrisal, mit dem er auch an der ergonomischsten Sitzposition feilt: Den Sattel einen Millimeter rauf, den Lenker einen Millimeter runter, rollen lassen, Zeit nehmen und wieder von vorne. Montag, Dienstag und Freitag dienen der Regeneration. So geht das monatelang, ehe die Abiturprüfungen Dicks im Mai an seine Grenzen treiben. „Arbeiten, essen, vier Stunden Radfahren und dann bis drei Uhr Nachts Prüfungen korrigieren. Da testet man seine Grenzen wirklich extrem aus“, erinnert er sich.

 

Zum Radsport gekommen ist der Höchster 2002 während seines Lehramtsstudiums, für das er auch sein Partyleben aufgab. „Irgendwann musste ich eine Entscheidung treffen. Meine Freunde haben dann schnell gesehen, dass ich es ernst meine.“ Als Trainingspartner von Vytrisal steht er dem ehemaligen Triathlonprofi (2007 14. Platz bei der Ironman-WM auf Hawaii und Dritter bei der Ironman-EM in Frankfurt) seit 2005 zur Seite. „Es war damals eine Ehre für mich, in Franks Team trainieren zu dürfen“, erinnert sich Dicks. 500 bis 600 Kilometer sind für die beiden Lehrer in einer Ferienwoche durchaus eine normale Distanz, hinzu kommen Trainingslager in der Schweiz.

 

6000 Kalorien verbrauchen die Athleten beim RAAM täglich, bis zu zehn Liter Flüssigkeit müssen aufgenommen werden – ein Hungerast oder das Überschreiten der eigenen Grenzen könnte fatale Folgen für das ganze Team haben. Und das besteht immerhin aus 15 Mitgliedern, vom Navigator, über Physiotherapeuten und Mechaniker bis hin zu den Fahrern des Pacecars (Begleitfahrzeug) und der zwei Wohnmobile. In den Pausen gibt es für die Fahrer deshalb nur zwei Dinge: Schlafen und Essen. Fertige Nudelgerichte, Getreidemischungen - alles in dreifacher Menge -, Rosinen, Nüsse, aber auch Süßigkeiten und Cola standen auf dem Speiseplan, die Verträglichkeit für den Magen immer im Blick. „In diesen Leistungsregionen hält der Körper nur noch eine gewisse Energie für die Verdauung bereit und wenn man dann etwas schwer Verdauliches isst, sinkt die Leistung ab oder die Verdauung wird eingestellt – beides ist katastrophal“, erklärt Dicks den schmalen Ernährungsgrad. „Wir haben alle Gewicht verloren, aber nicht viel. Vielleicht 1,5 bis 2 Kilo.“

 

Im Vorjahr gelang Teamchef Smeets, Mitglied der Triathlon-Abteilung von Eintracht Frankfurt, und Antreiber Vytrisal mit zwei anderen Mitstreitern in der Kategorie „Viererteam“ gar der Sieg beim RAAM. Während Smeets Hauptfinanzier und Teamchef in einem ist, sorgt Vytrisal für das nötige Tempo – nicht aufgeben, nicht abreißen lassen, immer weiter treten. Ohne die zahlreichen Sponsoren, die hochwertiges und teures Equipment wie Hosen, Trikots, Helme, Schuhe, Kühlwesten, Ersatzteile etc. zur Verfügung stellen, wäre die ganze Tour auch in diesem Jahr nicht möglich gewesen. Dass es am Ende kein Preisgeld gab, findet Dicks nicht schlimm: „Wir sehen sowas als Abenteuer. Für mich war das Rennen an sich schon wie ein Preis“, sagt er.

 

Rund 8000 Euro kostet sein Zeitfahrrad wie es jetzt ist. Nach oben gibt es bei Rennrädern kaum eine Grenze, auch fünfstellige Summen werden heutzutage bezahlt. In Dicks‘ Rad ist ein Wattsystem integriert, das ihm über einen kleinen Computer seinen aktuellen Tritt anzeigt. 240 Watt lautete die angepeilte Geschwindigkeit für das RAAM. „Durch das Leistungssystem weiß ich, ich muss 240 Watt Leistung bringen, um in meinem Bereich zu sein“, erklärt Dicks. „Am Anfang ist das Risiko hoch, dass man zu hart fährt. Ein halber Tag mit zu viel Gas kann bedeuten, dass man einbricht und das Rennen gelaufen ist.“

 

Extreme Belastungen wie Hitze, Kälte, Staub, dünne Luft und Seitenwind mussten durchgestanden werden, die Sturzgefahr auf dem rauhen Asphalt mit den Reifenresten und den Tierkadavern war allgegenwärtig, vor allem Nachts und bei der Abfahrt aus den Rocky Mountains. „Die Betreuer am Straßenrand konnten vor lauter Wind kaum stehen. Viele Fahrer aus anderen Teams sind gestürzt, das war grenzwertig“, erinnert sich Dicks. „Eigentlich darf man nicht über die Gefahr nachdenken, aber da hatte man schon Angst.“ Auch platte Reifen, alleine vier bei Dicks, gehören zum Alltag. Auf der Habenseite stehen dagegen Sonnenaufgänge über den Rocky Mountains, Sonnenuntergänge am Monument Valley, endlose Weite und Momente der Ruhe, des Innehaltens in wunderbarer Natur.

 

Auch nach zwei Wochen zuhause blieb Dicks eine besondere Erinnerung erhalten: das Schwanken des Wohnmobils. „Ich bin noch sehr oft morgens aufgestanden, habe mich festgehalten und nach meiner Trinkflasche und meinem Helm gesucht“, lacht er. Von Seiten der Kollegen, Schüler und Freunde kamen viele positive Reaktionen und Glückwünsche. Viele hatten bis tief in die Nacht über den Blogg des Teams die Route via GPS verfolgt und aufmunterte Worte an Dicks‘ Pinnwand geschrieben. Aber ob sich der Lehrer die Strapazen noch einmal aufhalsen würde? „Mal sehen, was sich ergibt“, lächelt Dicks auf die Frage nach einer Wiederholung. Der Sommer ist noch Schonfrist, im Herbst müsste der nächste Trainingszyklus beginnen.

 

RACE ACROSS AMERICA

Im Jahre 1887 machte sich George Nellis mit seinem 20 Kilogramm schweren Eisenfahrrad auf, die Vereinigten Staaten von Amerika von West nach Ost zu durchqueren. In achtzig Tagen fuhr Nellis von der Oceanside in Kalifornien zum Ziel Annapolis in Maryland: Rund 4800 Kilometer, 52000 Höhenmeter und Temperaturen zwischen 0 und 45 Grad. Heute nennt sich diese Tour „Race across America“ (RAAM), das härteste Radrennen der Welt. Ohne Etappen durch Wüsten, über die Rocky Mountains und die Appalachen, durch zwölf Bundesstaaten und vier Zeitzonen, Tag und Nacht, ohne Pause. Gefahren wird allein, in Zweier- oder Vierer-Teams. Den Rekord im Eizelfahren der Männer hält seit diesem Jahr der Österreicher Christoph Strasser, der die Strecke in 7 Tagen, 15, 56 Stunden mit einem Schnitt von 26,42 km/h beendete. Ein Preisgeld gibt es beim RAAM nicht – der Lohn ist vielmehr der Sieg über sich selbst, über die Zeit und die Erinnerung an eine übermenschliche Leistung. Näheres zum Team „4Athletes“ gibt es unter http://raam-2014.4athletes.com.

 

Odenwälder Echo / 12. August 2014

Susanne Müller - freischrift/fotografie - Hochzeitsfotografie in Neu-Isenburg

Hallo, ich bin Susanne, seit 33 Jahren eine lebensfrohe Optimistin, spontan, oft ein wenig zu genau

und schwer verliebt in meinen Job als Fotografin, Journalistin und Texterin in der Nähe von Frankfurt am Main. Ich liebe Kaffee und meinen Hund Sammy, den Duft von frisch gemähtem Gras, schöne Cafés und sonnige Biergärten. Ich reise gerne und viel, mal kurz, mal lang, mal tageweise. Und ich kann mich sehr für Philosophie, Weiterbildung, Fitness und Rockmusik begeistern...

 

Nach meinem Abitur 2003 habe ich mein Magisterstudium (Germanistik/Anglistik) in Heidelberg und Frankfurt absolviert, im Anschluss daran ein Fernstudium an der "Freien Journalistenschule" in Berlin. Seit 2011 arbeite ich als selbstständige Journalistin und Texterin, seit 2013 auch
als Fotografin in den Bereichen Businessfotografie, Hochzeit und Portrait.