"Man muss machen, machen, machen"


„Inkomplette Querschnittlähmung“ lautete vor 15 Monaten die Diagnose für Gregor Lang. Kommenden Sonntag (28.) startet der Neustädter beim Frankfurt Marathon über die volle Distanz von 42,195 Kilometern.

 

Für einen sportlichen Menschen ist ein Marathon eine Herausforderung, für Gregor Lang ist er normalerweise unmöglich. Der 40-jährige Familienvater aus Neustadt ist Teilgelähmt, der mittlere Teil seines Körpers ohne Gefühl, seine Beine fühlen sich an, als wären sie eingeschlafen. Für den Vater zweier 12 und 16 Jahre alter Töchter, die als erfolgreiche Dressurreiterinnen beide im hessischen Landeskader stehen, war das jedoch nie ein Grund, mit seinem Schicksal zu hadern. „Ich bin kein Wunder“, stellt Lang klar und erklärt: „Meine Geschichte soll anderen Leuten einen Tritt in den Hintern verpassen.“ Auch deshalb schreibt er gerade an einem Buch über sein Leben. „Es gibt viele Menschen, die viel mehr erreichen könnten, denen es viel besser gehen könnte. Man muss nur machen, machen, machen.“ Alles begann vor vier Jahren: Im Jahr 2008 wollte Gregor Lang in seiner Firma eine verkeilte Maschine lösen, da knackte es im Rücken. Mehrfacher Bandscheibenvorfall lautete die Diagnose, die anschließende Operation befreite jedoch nur kurz von den Schmerzen. Ein Krankenhaus-Marathon quer durch Süddeutschland begann, wo in weiteren Operationen Narbengewebe entfernt wurde, das auf die Rückennerven drückte. „Ich habe mich nur noch von Tabletten ernährt und Morphiumspritzen bekommen“, erklärt Lang zu dieser Zeit. Schließlich folgte die Diagnose „Gleitwirbel“, die Wirbelsäule musste versteift werden. Die folgende Operation im Juli 2011 lief nicht nach Plan (siehe Infokasten), Teile der Nerven wurden irreparabel geschädigt. Einen Rollstuhl musste der begeisterte Skifahrer zwar nie nutzen, am Anfang schaffte er aber kaum 50 Meter auf dem Laufband. Doch Lang übte weiter, lief in jeder freien Minute, sogar heimlich in der Nacht. Es folgte der nächste Medizinmarathon, diesmal von Reha zu Reha.

 

„Diese Krankheit hat mich finanziell ruiniert“, sagt Lang zu den Kosten, bei denen jede Übernahme durch die Krankenkasse einen kleinen Kampf darstellte. „Hätte ich nicht meine private Berufsunfähigkeitsversicherung, ich würde heute von Hartz IV leben.“ Das Leben des einst so selbstständigen Mannes änderte sich von heute auf morgen komplett. Neben den körperlichen Veränderungen, musste der gelernte Garten- und Landschaftsbauer seine Firma teils aufgeben, teils verkleinern, er wurde arbeitsunfähig, der Dorfklatsch drehte sich immer öfter um ihn. Doch Lang sah keinen Grund aufzugeben und zu verzweifeln. Der lebensfrohe Mann nahm den Kampf um ein normales Leben an und sieht heute sogar einen Grund für all die Ereignisse in der Vergangenheit: „Wenn ich zurückblicke, wäre ich ohne diese Ereignisse nicht der, der ich heute bin. Das hat mich in meiner Persönlichkeit viel weiter gebracht, als ich je gedacht hätte.“ Verändert hat sich auch Langs Umgang mit seinen Mitmenschen. Die Floskel „In der Not erkennt man wahre Freunde“ bekam auch für ihn eine reale Bedeutung.

 

Heute lebt er zurückgezogener, jedoch nicht, um sich zu verkriechen. „Ich wähle einfach besser aus, was sich lohnt, freue mich an Kleinigkeiten.“ Doch bei aller Lebensfreude gibt es auch für Lang depressive Tage mit Schmerzen. „So ist das Leben“, erklärt er trocken. Die wichtigste Veränderung im Leben des Gregor Lang aber wurde das Laufen, für ihn Reha-Training und Medizin zugleich. „Durch das Laufen kann ich auf Beckenbodentraining und Medikamente verzichten.“ Dabei musste der 40-Jährige, der zwar immer ein sportlicher Mensch war, jedoch nie ein Läufer, über Wochen und Monate seine Ausrüstung zusammenstellen. Anfangs trug er ein Stützkorsett, das seinen Oberkörper stabilisierte. Die Streben darin, die Gurte, seine Klamotten, die Schuhe – alles musste getestet werden, um perfekt auf Langs Körper abgestimmt zu werden. Über Spazierengehen schaffte der Neustädter anfangs nur 150 Meter im Joggingtempo, dann musste er unterbrechen. Doch Lang arbeitete weiter, lief bald täglich seine sieben Kilometer bei Wind und Wetter.

 

Zusätzlich zu zwei Reha-Einheiten pro Woche mit Dr. Reiner Föhrenbach, einem der erfahrensten Diagnostiker für Ausdauersportler, und intensivem Krafttraining für den Rücken. Außerdem fand er im Triathlonfachhandel „Magic-Sportfood“ einen Sponsor, der ihn mit Sportlernahrung wie Energie Gel versorgte – ein wichtiges Produkt für Lang, da er durch seine einseitige Ernährung kaum Ballaststoffe und Kohlenhydrate zu sich nehmen kann, die für einen Marathonläufer lebenswichtig sind. Gleichgesinnte fand Lang, der im November seinen 41. Geburtstag feiert, schließlich im Mai beim Sandbacher Marathonprojekt von Triathlet und Trainingskoordinator Simon Stockum. Zusammen mit anderen Läufern trainiert der drahtige Sportler hier drei bis vier Mal die Woche, an den anderen Tagen läuft er für sich. Mal schneller, mal langsamer, mal weiter mal kürzer, ganz nach dem klassischen Vorbereitungsplan eines jeden Marathonläufers. Auch den 30 Kilometer-Probelauf hat er bereits erfolgreich absolviert. Und das, obwohl sein tatsächliches Marathontraining erst im Juli diesen Jahres so richtig begann.

 

„Du bist verrückt“, sagte ihm damals sein betreuender Arzt Dr. Georg Eckert (Höchst) – heute sagt er das immer noch. Neben der körperlichen Anstrengung muss Lang auch die psychische Belastung verkraften: „In meinem Kopf sage ich mir immer wieder‚ Bein hoch, nach vorne, abrollen.“ Begleitet wird Lang auf den 42,195 Kilometern in Frankfurt von einem Kameramann des Hessischen Rundfunks (Ausstrahlung am 4. November). Probleme könnte es am Sonntag dann geben, wenn die Muskulatur im Rücken durch die schnellere Blutzirkulation anschwillt und auf die Nerven drückt. Dann wäre der Marathon für Lang verfrüht beendet. Nicht nur deshalb gibt der Läufer als primäres Ziel „Durchkommen“ aus. Sollte dieses erste „Zwischenziel“ gelingen, hat der optimistische Neustädter schon Pläne für die Zukunft. „Mit dem Marathonprojekt wollen wir als nächstes bei einem Triathlon starten. Ich weiß nicht ob ich das schaffe, aber man muss alles Mal versuchen“, lacht Lang.

 

INKOMPLETTE QUERSCHNITTSLÄHMUNG

Bei einer inkompletten Querschnittslähmung ist das Rückenmark nicht vollständig durchtrennt, wodurch die Patienten nur teilweise gelähmt sind und zum Beispiel wieder gehen können. Bei Gregor Lang wurde während der entscheidenden Operation zur Versteifung der Wirbelsäule ein Teil der Bandscheibe durch einen „Cage“ (stabiles Implantat) ersetzt, mit Schrauben und Stahl stabilisiert. Dabei wurde die Lederhaut (Ummantelung der Wirbelsäule) beschädigt, die Nerven teilweise durchtrennt. Die für das Laufen zuständigen zerstörten Nerven im Rückenmark konnten wieder verbunden werden und regenerierten sich. Zurück blieb dank Langs unbedingtem Willen und seinem kontinuierlichen Training nur ein leicht unrunder Gang. Die für den Bauchbereich zuständigen Nerven regenerierten sich allerdings nicht wieder, sodass Lang in der Körpermitte gelähmt blieb. 40 Kilo hat Lang bis heute abgenommen, ernährt sich meist nur von Jogurt und Buttermilch. Ballaststoffe, Alkohol oder zu viel Essen sind für ihn pures Gift.

 

Odenwälder Echo / 25. Oktober 2012


Anmerkung: Gregor Lang bewältigte den Frankfurt Marathon 2012 als bester Läufer seines Marathonprojekts in vier Stunden und acht Minuten - 22 Minuten unter seiner erhofften Zeit.

Susanne Müller - freischrift/fotografie - Hochzeitsfotografie in Neu-Isenburg

Hallo, ich bin Susanne, seit 33 Jahren eine lebensfrohe Optimistin, spontan, oft ein wenig zu genau

und schwer verliebt in meinen Job als Fotografin, Journalistin und Texterin in der Nähe von Frankfurt am Main. Ich liebe Kaffee und meinen Hund Sammy, den Duft von frisch gemähtem Gras, schöne Cafés und sonnige Biergärten. Ich reise gerne und viel, mal kurz, mal lang, mal tageweise. Und ich kann mich sehr für Philosophie, Weiterbildung, Fitness und Rockmusik begeistern...

 

Nach meinem Abitur 2003 habe ich mein Magisterstudium (Germanistik/Anglistik) in Heidelberg und Frankfurt absolviert, im Anschluss daran ein Fernstudium an der "Freien Journalistenschule" in Berlin. Seit 2011 arbeite ich als selbstständige Journalistin und Texterin, seit 2013 auch
als Fotografin in den Bereichen Businessfotografie, Hochzeit und Portrait.

 

Susanne Müller
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