Die Kaffeefahrt-Betrüger - Unterwegs mit den Abzockern

Eineinhalb Stunden ist es her, seit die Fahrt am Bahnhof begonnen hat - endlich hält der Bus an einer abgelegenen Gaststätte. Insgesamt 17 Rentner nehmen an dieser sogenannten „Kaffeefahrt“ teil.

 

Nachdem sich das, laut Gewinnschreiben, „reichhaltige Frühstück“ als zwei belegte Brötchenhälften und eine abgemessene Tasse Kaffee erwiesen hat, fragt eine unfreundliche Frau nach den Getränkewünschen: „Wollen sie was trinken? Ich bin dann bis zur Mittagspause nicht mehr da“, warnt sie Gäste gleich vor. Endlich kann es losgehen und Stefan tritt auf. Stefan weiß, wie man ältere Damen um den Finger wickelt, wie man Leuten etwas verkauft, was sie eigentlich gar nicht brauchen. „Meine Damen und Herren, was schätzen sie denn, wer das hier alles bezahlt, die Busfahrt, das Frühstück, die Gaststätte? Das bezahlen unsere Werbepartner und die stelle ich ihnen heute vor.“ Das erste Mal wird also direkt auf eine Verkaufsveranstaltung hingewiesen.

 

So war das eigentlich nicht geplant, als das Schreiben der „Zentralen Gewinnabwicklungsstelle des Lotto Service“ aus Lankum ins Haus flatterte. 1500 Euro habe man gewonnen. Erst heißt es „Sie haben tatsächlich gewonnen“, eine Zeile darunter folgt: „Sie sind der potenzielle Gewinner des Bargeldpreises in Höhe von sage und schreibe 1500 Euro.“ Unterschrieben ist alles von der Sachbearbeiterin „Karin Ludwig“, die bei vielen Empfängern Erinnerungen an die ehemalige Lotto-Fee Karin Tietze-Ludwig wachruft. Um den Gewinn ausgezahlt zu bekommen, müssten nur noch einige „Formalitäten“ erledigt werden. Dann könne die Gewinnsumme „im festlichen Rahmen in unserer nahe gelegenen Zweigstelle ausgezahlt werden“. Um den Bustransfer dorthin zu buchen, müsse nur noch der beigefügte „Gewinn-Anforderungs-Schein“ innerhalb von acht Tagen zurückgeschickt werden. Seltsam ist, dass die persönlichen Daten inklusive Geburtstag und Handynummer bereits aufgedruckt sind. Ein Handy gäbe es für alle Teilnehmer als Kundenprämie auch noch dazu. Dass man dort kein Geld sehen würde, kann man sich eigentlich denken – und genau das ist der Grund, warum das Gewinnschreiben ausschließlich an ältere Menschen verschickt wird. Als junger Mensch verliert man innerhalb der sieben Stunden dauernden Verkaufsveranstaltung immer mehr die Fassung darüber, wie niederträchtig und würdelos Menschen für Geld handeln können.

 

Stefan erklärt inzwischen den Ablauf der Veranstaltung. „Was ist mit dem Geld?“, fragt ein Mann dazwischen. „Wie kann man denn so bescheuert sein und sich freiwillig da hinsetzen, wenn man es nicht glaubt, dass man was gewinnt? Aber potentiell heißt ja eventuell“, lautet Stefans vieldeutige Antwort. Topf-Sets für 500 Euro, billige Kopien der „Power-Balance“-Energie-Armbänder, Kräutersalben, die im Handel nur die Hälfte kosten – mit einer unerschöpflichen Produktpalette ziehen die Männer ihre Kunden reihum über den Tisch. Besonders die angeblichen Goldketten aus Pforzheim begeistern die älteren Damen. Stefan und sein Kollege Georg verschenken erst einige Ketten, danach ganze Sets und fordern schließlich eine Gebühr von 69 Euro. Über den Wert der Ketten kann nur spekuliert werden, das seltsame Zertifikat mit dem Wortlaut „Feingold-Legierung“, das billige Plastikkästchen und die Tatsache, dass Stefan und Georg den Schmuck beim Verteilen wie Rasseln schütteln, lässt den Wert der Ketten jedoch stark bezweifeln. „Georg, eine Person hier im Raum bekommt keinen Schmuck und später auch kein Handy“, lässt Stefan seinen Kollegen dabei laut wissen. „Jaja, ich weiß schon, wen du meinst“, antwortet Georg wohlwissend, dass das Ganze nur eine leere Drohung ist, um die Rentner einzuschüchtern. Wer seine Hand hoch nimmt, verpflichtet sich schließlich zum Kauf. Zwei ältere Damen bemerken den Schwindel: „Das ist doch kein echter Schmuck“, kritisieren sie, vom Verkauf zurücktreten dürfen sie aber nicht. „Jetzt lassen wir mal den Schmuck und konzentrieren uns auf die Veranstaltung“, kritisiert Stefan als nächstes eine ältere Dame, sie sich ihr Schmuckkästchen genauer betrachtet. So wie er jeden mit einer missbilligenden Bemerkung straft, der auch nur kurz den Blick von seiner Ware abwendet.

 

Als Hauptsponsor der Veranstaltung präsentiert Stefan Schließlich ein Produkt namens Noni - eine Südseefrucht, die aufgrund zahlreicher Vitamine sehr gesund sein und bei regelmäßiger Anwendung zahlreiche Krankheiten heilen soll. Soweit kann man mit Stefans Erklärung einverstanden sein. Dass Noni aber auch unter Verdacht steht, Krebs zu erzeugen, lässt er sicherheitshalber unerwähnt. Natürlich hat Stefan auch eigene Erfahrungen einzubringen, litt er doch bis vor einigen Jahren an Neurodermitis – sagt er zumindest werbewirksam und präsentiert seine makellosen Unterarme. Durch verwirrende Rechenspielchen und angebliche spezielle Werksrabatte gelingt es dem Verkäufer schließlich, seinen Zuhörern eine Dreimonatskur für den Preis einer Jahreskur zu verkaufen. Nach einer Verlosung sollen die Gewinner feststehen – die sich durch das Losglück abermals zur Zahlung verpflichten. Ein alter Mann, dessen Losnummer gezogen wird, reagiert nicht sofort, sein Freund bemerkt es und ruft für ihn. „Nein, nein, wenn sie das nicht selbst verstehen, gewinnen sie auch nicht“, fertigt Stefan den perplexen Mann ab, der danach noch lange Zeit völlig verwirrt in die Runde starrt. 1200 Euro lassen sich die Rentner die angebliche Wunderkur am Ende kosten – im Internet hätten sie die gleiche Menge für rund 200 Euro erwerben können. Aber wie soll das eine 80-jährige Frau wissen? Inzwischen ist Mittagspause, das Essen muss jedoch selbst bezahlt werden. „Wer nichts isst, dem berechnen wir nachher einen Solidaritätszuschlag von drei Euro für die Heizung“, sagt Stefan - im Hochsommer! Als sich ein Mann über die kleine Portion beklagt, blafft die Bedienung ihn an: „Schon mal was davon gehört, dass der Tellerrand dem Gast gehört?“.

 

Beim nächsten Produkt, einer Tube Universalreiniger spielt Georg weitere Abzock-Tricks aus: „Da gibt es wirklich Menschen, die lassen sich mit dem Bus kostenlos hierher fahren, nehmen das alles mit, aber sind nicht einmal bereit, fünf Euro für eine Creme zu bezahlen. Das ist doch traurig“, setzt der Verkäufer die Rentner unter Druck. Eine typische Masche: Wer nicht kauft, wird vor den anderen als Schmarotzer dargestellt. Danach lässt Georg einen Preis von zehn Euro für ein Produkt notieren und zählt schließlich runter: „Dieses Wundermittel kostet sie nicht acht, nicht sieben – sind sie sicher, dass sie nicht noch eins mehr mitnehmen wollen? – nicht sechs, nicht fünf…“ Am Ende klärt er die mit Tuben eingedeckten Käufer über den Preis auf: „Den haben Sie sich doch am Anfang aufgeschrieben“, und fängt an, zehn Euro abzukassieren. Die Rentner haben wieder kein Glück, sie können sich nicht gegen Georg zur Wehr setzen, müssen kaufen. Dabei hätten sie das angebliche Wundermittel im Internet schon für 2,50 Euro bekommen.

 

Der letzte Verkaufskandidat ist Hans. „Was würden sie sich jetzt noch wünschen, nachdem wir ihnen schon so viel gezeigt haben?“, fragt er in die Runde. „Wir wollen nach Hause“, antwortet ihm ein älterer Mann in der ersten Reihe. Inzwischen ist es auch schon 17 Uhr. „Wir stellen hier so ein Programm auf die Reihe und sie wollen einfach nur nach Hause. Das ist doch wirklich unverschämt“ schimpft Hans mit dem alten Mann. Schließlich gibt es doch noch die altbekannten Reisen, die bei keiner Verkaufsveranstaltung fehlen dürfen. Und die werden sogar verschenkt – glauben zumindest die älteren Menschen. Als er aus der Lostrommel gezogen wird, lacht ein alter Mann überrascht „Ich? Ich hab ja noch nie was gewonnen. Das ist ja toll!“. Dass er für seine freiwillig gewählten vier Mitfahrer gleich 250 Euro Servicebeitrag bezahlen darf, hat er noch nicht verstanden. Ob die Reisen letztlich stattfinden oder nicht, bleibt Spekulation. Oft werden die Fahrten in solchen Fällen verschoben oder fallen aus, der geleistete Servicebeitrag ist dann weg. Alternativ können auch Einzelzimmerzuschlag, Ausflugs- oder Veranstaltungskosten während der Reise dazukommen.

 

Am Ende des Tages wird dann tatsächlich ein Mann ausgelost, dem in den Tagen danach die 1500 Euro per Post zugestellt werden sollen. Es bleibt zu hoffen, dass wenigstens er an diesem Tag Glück hatte. Das im Gewinnschreiben versprochene Handy bekommen auch nur die „Noni-Kunden“, an denen der Verein gut verdient hat. Fürs Leben haben heute aber alle was gelernt: „Das war meine erste Kaffeefahrt und für mich gibt’s auch kein zweites Mal“, stellt ein Mann klar. Eine Mitfahrerinnen, die an diesem Tag ein paar tausend Euro losgeworden ist, bekommt am nächsten Tag tatsächlich alles geliefert: Die Noni-Kur, das versprochene Handy und obendrein noch das Topf-Set. Am Ende sagt sie: „Vielleicht steckt hinter der Sache ja doch ein wenig Ehrlichkeit“ – es bleibt zu hoffen, dass sie diesen Gedanken nicht wirklich ernst meint.

 

Nicht nur Verbraucherzentralen und die Lotto-Zentralen der einzelnen Bundesländer warnen vor den Anbietern solcher Gewinnveranstaltungen, im Volksmund meist „Kaffeefahrt“ genannt. Sie weisen darauf hin, dass von Lotto keine Busreisen zu Verkaufsveranstaltungen angeboten werden. Doch warum tut Lotto nichts gegen diese „Gewinngesellschaften“, die mit ihrem Namen hausieren gehen?

Ein Beispiel: Lotto Bayern hatte bis zum Jahr 1996 einen umfassenden Schutz der Marke "Lotto". Aufgrund des Verfahrens eines privaten Glücksspielanbieters entschied der Bundesgerichtshof im Januar 2006, dass die Schutzrechte auf den Begriff "Lotto" gelöscht werden. Private Veranstalter dürfen infolgedessen das Wort "Lotto" verwenden, ohne dass Lotto Bayern dagegen vorgehen kann. Zudem erfüllt das Versenden der Gewinnschreiben rechtlich gesehen noch nicht den Tatbestand einer Straftat und wird lediglich als straflose Vorbereitungshandlung eingestuft. Eine Postanschrift des „Lotto Service“ aus Lankum sucht man allerdings vergeblich, lediglich ein Postfach wird angegeben. Eine Stellungnahme ist insofern auch nicht erhältlich – die Firma wird wissen warum.

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Kommentare: 1
  • #1

    Mara (Freitag, 15 Mai 2015 23:40)

    Meine (alte) Mutter ist leider auch Opfer dieser Masche geworden. Sie hat den Noni-Saft für sage und schreibe 600 Euro aufgeschwatzt bekommen. Dafür hat sie ganze 900 ml Saft erhalten! Die anderen mussten 1,8 l für 1200 Euro erwerben! Im Internet erhält man für 10 Euro schon einen Liter. Ihr wurden auf der Kaffeefahrt Versprechungen gemacht, dass der Saft ihre Beschwerden heilen wird. Natürlich ist das alles Unsinn. Nun ist meine Frage: ist das nicht sogar verbrecherisch? Ein Produkt für 600 Euro zu verkaufen, was definitiv keine 10 Euro wert ist, das ist doch Betrug?! Kann man dagegen tatsächlich nicht rechtlich vorgehen? (Mal ganz abgesehen von den unechten Halsketten, die sie als echt ebenfalls überteuert an die Frau gebracht haben.)

Susanne Müller - freischrift/fotografie - Hochzeitsfotografie in Neu-Isenburg

Hallo, ich bin Susanne, seit 33 Jahren eine lebensfrohe Optimistin, spontan, oft ein wenig zu genau

und schwer verliebt in meinen Job als Fotografin, Journalistin und Texterin in der Nähe von Frankfurt am Main. Ich liebe Kaffee und meinen Hund Sammy, den Duft von frisch gemähtem Gras, schöne Cafés und sonnige Biergärten. Ich reise gerne und viel, mal kurz, mal lang, mal tageweise. Und ich kann mich sehr für Philosophie, Weiterbildung, Fitness und Rockmusik begeistern...

 

Nach meinem Abitur 2003 habe ich mein Magisterstudium (Germanistik/Anglistik) in Heidelberg und Frankfurt absolviert, im Anschluss daran ein Fernstudium an der "Freien Journalistenschule" in Berlin. Seit 2011 arbeite ich als selbstständige Journalistin und Texterin, seit 2013 auch
als Fotografin in den Bereichen Businessfotografie, Hochzeit und Portrait.