Dritte Plätze sind was für Männer...

...lautete bis vor kurzem die Werbekampagne des ZDF zur Frauenfußball-WM. Man lächelte über die Anspielung an die letzten Platzierungen der deutschen Männer bei der WM 2006 (im eigenen Land) und der EM 2008. Die deutschen Frauen sollten es vormachen, wie man eine RICHTIGE Platzierung einfährt, wie man sich nicht mit den hinteren Plätzen zufrieden gibt. Heute wären die Nationalspielerinnen froh, sie hätten überhaupt einen Platz belegt und hätten nicht schon im Viertelfinale die Heimreise antreten müssen. Die ZDF-Kampagne war als Lacher gedacht und kommt nun als Ohrfeige zurück.

 

Aber sind wir doch mal ehrlich: Eine Mannschaft, die schon vor der WM von allen als neuer Weltmeister gefeiert wird, die kann doch nur verlieren. Unter diesen Umständen wäre auch ein zweiter Platz eine Niederlage gewesen. Der Titel und nichts als der Titel, weil die andern eh nichts können - welch traurige, fast schon größenwahnsinnige Einstellung, die ein ganzes Land hier vertreten hat. Hier wurde eine Mannschaft geradewegs dazu gezwungen, sich des eigenen Sieges schon sicher zu sein. So lautete auch der letzte Kommentar von Werbe-Star Lira Bajramai am Tag des Japan-Spiels: "Wir werden Weltmeister" - ein paar Stunden später war Deutschland aus dem Turnier ausgeschieden, Lira Bajramaj hatte nicht eine Minute auf dem Platz gestanden.

 

Ob man Silvia Neid nun für dieses Ausscheiden verantwortlich machen kann, darf bezweifelt werden. Ist es ein Fehler, eine Bajramaj auf der Bank zu lassen, die mehr mit sich selbst spielt, als mit der Mannschaft? Ist es ein Fehler, eine Birgit Prinz aus dem Spiel zu nehmen, die in diesem Jahr noch nicht einmal das gegnerische Gehäuse getroffen hat und der Mannschaft in den Gruppenspielen auch sonst nicht weiterhelfen konnte? Sicher ließ Lira Bajramaj gegen Frankreich ihr Können aufblitzen, aber eine Partie reicht eben nicht, um die Schwächen der vergangenen Wochen auszumerzen. Und sicher hätte man Prinz gegen Japan eine Chance geben müssen, allein schon wegen den Größenverhältnissen, aber wahrscheinlich hätte auch das nicht mehr geholfen.

 

Die Wechselfehler, die man Neid im Japan-Spiel mit der Einwechslung von Bianca Schmidt und der zu spät auflaufenden Popp ankreiden muss, können jedenfalls nicht als alleinige Gründe dafür herhalten, dass Deutschland ausgeschieden ist. Dafür sind die Spielerinnen auf dem Platz verantwortlich, die über 120 Minuten und besten Chancen das Tor der schmächtigen japanischen Torfrau nicht treffen, sich hinten aber mit einem Allerweltsschuss düpieren lassen - in der Tat sah Torfrau Nadine Angerer bei diesem Gegentreffer mehr als schlecht aus.

 

Traurig ist, dass Birgit Prinz eine überragende Karriere vielleicht mit solch einem persönlichen Debakel abschließen muss. Und natürlich, dass alle Frauenfußball-Gegner durch das frühe Ausscheiden der Deutschen in ihrer Anti-Haltung noch bestätigt werden. Aber einen Boom hätte diese WM sicher auch so nicht ausgelöst - sie wäre ein schönes Sommerfest geworden, mit dem ein oder anderen guten Spiel und der Feierstimmung drumherum. Danach wäre der Frauenfußball schnell wieder in Vergessenheit geraten.

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Kommentare: 1
  • #1

    Yvonne (Freitag, 09 Dezember 2011 01:44)

    Toller Artikel von einer tollen Frau geschrieben ;-)

Hallo, ich bin Susanne, seit 33 Jahren eine lebensfrohe Optimistin, spontan, oft ein wenig zu genau

und schwer verliebt in meinen Job als Fotografin, Journalistin und Texterin in der Nähe von Frankfurt am Main. Ich liebe Kaffee und meinen Hund Sammy, den Duft von frisch gemähtem Gras, schöne Cafés und sonnige Biergärten. Ich reise gerne und viel, mal kurz, mal lang, mal tageweise. Und ich kann mich sehr für Philosophie, Weiterbildung, Fitness und Rockmusik begeistern...

 

Nach meinem Abitur 2003 habe ich mein Magisterstudium (Germanistik/Anglistik) in Heidelberg und Frankfurt absolviert, im Anschluss daran ein Fernstudium an der "Freien Journalistenschule" in Berlin. Seit 2011 arbeite ich als selbstständige Journalistin und Texterin, seit 2013 auch als autodidaktische Fotografin in den Bereichen Hochzeitsfotografie, Business und Portrait.

 

Susanne Müller
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