Was uns der Tod über das Leben lehrt...

Ich sehe in die Flamme der Kerze, die neben dem Foto steht. Es ist das Foto meiner Oma. Vergangenen November ist sie gestorben, einen Tag vor meiner mündlichen Magisterprüfung. Den Magistertitel habe ich trotzdem bestanden – auch für sie.

 

Meine Oma war 99 Jahre alt, als sie eingeschlafen ist. Sie hat den 1. Weltkrieg überstanden und den 2., sie hat das Deutsche Reich miterlebt und den Mauerfall, sie hat ihre Ausbildung gemacht und ist viel gereist. Sie war eine lebenslustige Frau, die ihr Leben gelebt hat. Ich war immer sicher, dass sie die 100er-Schallmauer schaffen wird. Doch das wäre nicht fair gewesen - sie war müde und wollte schlafen. Trotzdem fehlt sie mir: ihr trockener Humor, ihr ansteckendes Lachen, sogar ihr Sturkopf und vor allem das Leuchten in ihren Augen, wenn ich ihr auch in den letzten Lebensjahren noch einen schönen Aspekt des Lebens zeigen konnte. Ich wusste immer, dass jede Verabschiedung die letzte sein kann, dass jeder Besuch eine einzigartige Erinnerung sein wird und doch fällt es am Ende, wenn der Moment gekommen ist, so schwer loszulassen.

 

Was bleibt, wenn wir jemanden verlieren, der uns nahe stand? Was immer bleibt, ist das Gefühl, dass wir demjenigen nicht all das gesagt haben, was wir ihm sagen wollten, dass wir zu wenig Zeit mit ihm verbracht haben – unabhängig davon, wieviel Zeit wir wirklich mit ihm verbracht haben.

 

Und was lehrt uns der Tod über das Leben? Er lehrt uns, dass es morgen schon zu spät sein kann. Er lehrt uns, dass wir jede Minute mit den Menschen, die wir lieben, auskosten müssen, weil sie einzigartig ist. Dass wir nichts aufschieben sollten, was unser Leben oder das Leben geliebter Menschen verschönert. Man muss nicht immer erst etwas verlieren, um zu wissen, was man hat!

 

Der Tod trifft uns alle früher oder später und fast jeder hat die Erfahrung, einen geliebten Menschen zu verlieren, schon einmal gemacht. Diejenigen, die das Gefühl nicht kennen, dürfen sich glücklich schätzen.

Der Tod ist das Ende einer Zeit, von der wir immer denken, sie wäre unendlich. Wenn wir heute einen Fehler begehen, können wir uns auch morgen noch dafür entschuldigen, wir können uns auch morgen noch bedanken oder jemandem sagen, was er uns bedeutet – denken wir. Aber wenn uns diese Worte wichtig sind, dann sollten wir sie nicht aufschieben.

 

Wir rennen durch unser Leben, ohne zu erkennen, wann wir innehalten müssen. Ohne zu erkennen, dass ein Tag mit Freunden und Familie so viel mehr wert ist als Geld. Ohne darauf zu achten, niemals im Streit auseinanderzugehen. Dabei kann es so einfach sein, einfach mal anzuhalten – es muss nicht immer erst etwas passieren.

 

Als ich meine Oma zum letzten Mal verlassen habe, dachte ich auch „Dreh Dich nicht fünfmal um, Du siehst sie doch bald wieder“. Aber diese Chance habe ich nicht mehr bekommen. Deshalb drehe ich mich heute lieber noch einmal mehr um…

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Kommentare: 1
  • #1

    Ines (Donnerstag, 17 März 2011 18:03)

    Schöne Worte die du gefunden hast!!!

Susanne Müller - freischrift/fotografie - Hochzeitsfotografie in Neu-Isenburg

Hallo, ich bin Susanne, seit 33 Jahren eine lebensfrohe Optimistin, spontan, oft ein wenig zu genau

und schwer verliebt in meinen Job als Fotografin, Journalistin und Texterin in der Nähe von Frankfurt am Main. Ich liebe Kaffee und meinen Hund Sammy, den Duft von frisch gemähtem Gras, schöne Cafés und sonnige Biergärten. Ich reise gerne und viel, mal kurz, mal lang, mal tageweise. Und ich kann mich sehr für Philosophie, Weiterbildung, Fitness und Rockmusik begeistern...

 

Nach meinem Abitur 2003 habe ich mein Magisterstudium (Germanistik/Anglistik) in Heidelberg und Frankfurt absolviert, im Anschluss daran ein Fernstudium an der "Freien Journalistenschule" in Berlin. Seit 2011 arbeite ich als selbstständige Journalistin und Texterin, seit 2013 auch
als Fotografin in den Bereichen Businessfotografie, Hochzeit und Portrait.